Mémoire des Vins Suisses
Réflexions · 2011

Pinot-Noir-Standortbestimmung, Teil 2

JUILLET 2011

Pinot-Noir-Standortbestimmung, Teil 2

Karl der Dicke wählte Ende des 9. Jahrhunderts einen Nordhang, um Pinot noir am Bodensee zu pflanzen. Verstanden er und seine Landwirtschaftsverwalter so wenig vom Weinbau, dass sie es versäumten, eine Südlage zu wählen?

Die Antwort auf diese Frage fand ich eine Woche nach dem Wädenswiler Pinot-Seminar durch Zufall bei einer ganz anderen Recherche im Burgund. Dort traf ich in den Hautes Côtes de Nuits einen Winzer, der im letzten Jahrzehnt mehr Gamay als Pinot noir gepflanzt hat – aus der Überzeugung heraus, dass der Klimawandel fortschreite und dass es schon bald für den Pinot zu warm werde, selbst bei ihm in 400 Meter Höhe.

Als ich mich perplex zeigte, zog dieser kenntnisreiche Winzer – Bernard Hudelot aus Villars-Fontaine – ein Schaubild aus seinem Schreibtisch: die Entwicklung des Aletsch-Gletschers seit dem Jahr 850. Und siehe da: In den Jahren zwischen 850 und 1000 war der Aletsch-Gletscher ähnlich stark auf dem Rückzug wie während der letzten 150 Jahre. Die Pinot-Pflanzung am Bodensee fiel also in eine Epoche, die von einer ebenso rasanten Erwärmung gekennzeichnet war wie diejenige, die wir derzeit erleben. Karl der Dicke war ebenso auf der Suche nach Säure und Frische, wie es die Winzer heutzutage sind. Wer weiss, vielleicht ging er sogar einzig aus diesem Grund mit dem Pinot noir an den Bodensee.

Zurück an den Zürichsee und nach Wädenswil. Dort habe ich mich während der Pinot-noir-Standortbestimmung bei einem Probenflight so richtig blamiert. Und ich will bekennen: Ich bin sogar stolz drauf. Was war passiert? Hans Bättig, Konrad Bernath und Thomas Flüeler liessen in einer Blindproben-Serie vier Weine ausschenken, die wir Kursteilnehmer nach der Qualität ihrer Aromadecke bewerten sollten. Sofort machte ich mich an die Arbeit: In Glas eins stand ein Wein mit Kompott-Aromen und einem alkoholischen Unterton. Der Wein in Glas zwei zeigte teerige (Holz?-)Töne, eine Bananen-Note und ein Pflaumen-Aroma. Aus Glas drei strömte ein intensiver Duft von Erdbeer-Konfitüre. Und Wein in Glas vier schliesslich zeigte diskrete Nuancen von Himbeere und Thymian.

Am Gaumen war der Wein in Glas eins sehr opulent – ganz wie es schon der Duft hatte erwarten lassen. Mir schien die Frucht deutlich im Hintertreffen gegenüber dem Alkoholreichtum zu sein. Wein in Glas zwei erwies sich im Mund als sehr weich angelegt. Den Abgang empfand ich als etwas flau – geradezu eingelullt und wenig frisch. Auch der Wein in Glas drei zeigte sich recht füllig am Gaumen, und die Abgangsaromen waren ähnlich konfitürig wie der Duft. Immerhin überzeugte die Aromatik hier mit Nachhaltigkeit. Der Wein aus Glas vier schliesslich erwies sich als Leichtgewicht, saftig und geradezu zart. Im Abgang hallte eine differenzierte Frucht nach – nicht mit Wucht und Kraft, aber mit Feinheit und bemerkenswerter Länge.

Für mich war klar: In seinem auf Leichtigkeit und Feingliedrigkeit gebauten Stil gebührte Wein Nummer vier die beste Bewertung für die Qualität der Aromadecke. Mochte sein, dass diese Frucht nicht die intensivste war. Aber sie schien mir in sich homogener, als dies bei den anderen Mustern der Fall war, und sie schien sich stimmiger zur Struktur des Weins als ganzem zu verhalten. Nun ahnen Sie vielleicht schon, was kommt: Bei der Abstimmung war ich der einzige der 25 Teilnehmer, der für diesen Wein die Hand hob. Von links und rechts flogen mir mitleidige Blicke zu, die mir zu bedeuten schienen: «Ja versteht der denn gar nichts vom Degustieren?» Doch nach der Auflösung der Blindprobe war ich ganz und gar mit mir im Reinen, denn es stellte sich heraus, dass es sich bei meinem Favoriten um einen Wein aus biologisch-dynamischem Anbau gehandelt hatte, eine Auslese der AOC Fricktal vom (mir bislang unbekannten) Demeter-Weingut Häfliger aus Oberhof.

Da fühlte ich mich dann doch wieder wohl in meiner Minderheiten-Position. Denn auch wenn man die merkwürdige Ideologie Rudolf Steiners mit Distanz betrachtet (wie ich es tue), so muss man doch immer wieder anerkennen, dass die Weine aus biologisch-dynamischer Landwirtschaft eine sehr erfreuliche Tendenz zur Finesse mitbringen. Sie sind wohltuende Gegenentwürfe zur Inflation des Alkohols, der massiven Gerbstoffe und der Primärfrucht, die sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren breitgemacht hat. Aber die filigranen Weine werden eben oft übersehen. Ganz besonders in Reihen-Verkostungen, wo sich typischerweise die lauten Weine in den Vordergrund drängen.

Ist es nicht die grösste Faszination in der Welt des Weins, etwas zu entdecken – oft auch entgegen dem ersten Eindruck oder entgegen einem Vorurteil? Ganz auf dieser Linie des sowohl sinnlichen als auch intellektuellen Genusses lagen auch die in Wädenswil verkosteten Weine von Ruedi Baumann, von Marie-Thérèse Chappaz und von Gian Battista von Tscharner. Die 2009er Auslese Oberhallau AOC kam mit mandligen Aromen ins Glas und sogar mit einem Unterton von Pflasterstreifen. Doch wie aufgeräumt stoffig und proportioniert zeigte sich der Wein am Gaumen, und wie gut tat seiner Frucht eine Viertelstunde Standzeit im Glas! Ähnlich der 2009er Grain Pinot Valais AOC: Zu Beginn mit gummiartigen Reduktionstönen, aber nach und nach aufklarend und eine kernige, in ihren Proportionen durchdachte Struktur offenbarend. Auch der 2008er Churer Lochert ist ein Wein, der erst auf lange Sicht Entdeckungen verspricht – dann aber freudige: Dafür garantiert der muskulöse, dichte Bau dieses Langläufers.

So endete die Standortbestimmung «Pinot noir Schweiz» für mich persönlich wieder einmal mit der Aufforderung an mich selbst, den Feinheiten nachzuspüren und den Faktor Zeit zu beachten: zum einen bei der Verkostung, zum zweiten beim Lagern der Weine.

Wie gut Pinot noir aus der Schweiz reifen kann, dies belegte – wenn es denn eines Beweises überhaupt bedurft hätte – einer der interessantesten Flights, die es in Wädenswil zu probieren gab: Rico Lüthi aus Männedorf hatte drei Jahrgänge seines Barrique-Pinot mitgebracht: 2009, 2005 und 2002. Alle drei Weine gab es blind zu probieren, und im Anschluss sollten wir Teilnehmer raten, in welchem Glas sich der jüngste Wein befunden habe. Grosse Mehrheit für Glas eins – das war auch mein Tipp. Und? Glas eins enthielt den ältesten Wein, den 2002er.

Ulrich Sautter

www.weinverstand.de

La colonne d’Ulrich Sautter

La colonne
d’Ulrich Sautter

Le journaliste en vin
hambourgeois
Ulrich Sautter
sur le vin suisse
(en allemand seulement)


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