
NOVEMBRE 2010
Trouvaillen aus der Schatzkammer des Mémoire II
Diesen Monat will ich mein Versprechen einlösen und über die gereiften Deutschschweizer und Tessiner Weine aus dem Mémoire-Bestand schreiben. Doch einen kleinen Umweg müssen Sie mir gestatten. Denn da ich diese Zeilen niederschreibe, stehe ich noch ganz unter dem Eindruck einer Ausstellung, die hier in Hamburg vor wenigen Tagen ihre Pforten geöffnet hat. Das Bucerius Kunst Forum zeigt Werke von Marc Chagall, die meisten mit biographischem Bezug, darunter viele Leihgaben aus dem Israel Museum in Jerusalem.
Schon im Erdgeschoss der Austellung konnte ich mich kaum losreissen von einem Bild mit dem Titel «Doppelporträt mit Weinglas». Das Gemälde zeigt den Künstler, huckepack und doch scheinbar schwerelos auf den Schultern seiner Frau Bella. So schreitet das Paar voran, Häuser und Höfe am Horizont hinter sich lassend. Mit der rechten Hand hält Chagall seiner Angetrauten das rechte Auge zu, sein linker Arm streckt ein halb gefülltes Weinglas dem Himmel entgegen. Über dem Paar schwebt mit schützender Geste ein Engelswesen – und fast scheint es, als entströme diese Lichtgestalt der Hand, die das Weinglas greift. In dieser vielschichtigen Allegorie schreibt Chagall unserem Lieblingsgetränk eine religiöse Funktion zu, die ich sehr berührend finde: Segensstiftender, als den nahe liegenden Weg beidäugig und mit aller Willenskraft zu verfolgen, ist das Vertrauen in Zweisamkeit – und in die Verbindung «nach oben», vermittelt durch das Weinglas.
Das Mémoire lässt sich in solche Überlegungen mit ihrem zauberhaften Spiel von weltlichen und religiösen Motiven nahtlos einreihen: Die Aufgabe des Mémoire ist es, das Wieder-Verkosten von Weinen zu ermöglichen – nicht unähnlich dem Wieder-Lesen von Texten, das als «re-legere» am Anfang aller Religion steht.
Nun aber wirklich zu den Weinen. Am 30. August im Restaurant Adlisberg war es ein ebenso sinnlicher wie intellektueller Genuss, sich alt bekannte Weine über die Zunge gleiten zu lassen, beispielsweise die gut zehn Jahre alten Merlot del Ticino aus dem Mémoire-Bestand. Spektakulär fand ich vor allem zwei 2001er, die sich noch immer jugendlich und mit grossem Potenzial präsentierten: Der Orizzonte von Christian Zündel übt sich mit seiner dichten, puren Preiselbeer-Frucht in klassischem Understatement. Der hochwertige Gerbstoff legt sich immer noch satt und straff an den Gaumen. Diesen Wein würde ich gerne in zehn Jahren nochmal probieren. Ähnlich jugendlich, dabei mit makellos natürlicher Ausstrahlung, stoffig und kernig und ohne den leisesten Anflug von Grüntönen: der Sassi Grossi von Feliciano Gialdi. Ich wusste zuvor, dass Sassi Grossi ein hervorragender, mit grosser Sorgfalt bereiteter Wein ist – aber dass er so gut sein kann, whow.
Diesen Weinen ist es anzuspüren und anzuschmecken, dass sie nicht der kurzatmigen internationalen Merlot-Begeisterung des letzten Jahrzehnts entstammen, sondern dass sie auf einem länger währenden, breiten Erfahrungsschatz im Umgang mit dieser Sorte aufbauen. Dasselbe gilt für Daniel Hubers Montagna Magica, der aus dem 2000er Jahrgang allerdings schon etwas reifer im Glas stand, und ebenso für den fruchtbetonten Pio della Rocca von Adriano Kaufmann (ebenfalls Jahrgang 2000). Ausser Konkurrenz spielten bei dieser Verkostung im Restaurant Adlisberg auch noch zwei 1990er ihre Trümpfe aus: abermals eine Flasche Montagna Magica mit stupender Feinheit, und Werner Stuckys Conte di Luna mit einer wunderbaren Terroir-Nase. Gratulation an alle, die eine solche Flasche noch irgendwo im Keller finden.
Eine Überraschung bot die Reihe der Tessiner Weine dann auch noch: Die Bondola del Nonu Jahrgang 2007 von der Azienda Mondò. Lebendige Frucht und sehr viel Lokalkolorit auf hohem Niveau – so viel Komplexität und Tiefgang hätte ich der meist etwas harmlosen Rebsorte Bondola gar nicht zugetraut.
Die Königsklasse des Rotweins aber ist der Pinot Noir, und so erfüllte es mich mit grosser Vorfeude, so viele altbekannte Deutschschweizer Etiketten an einem einzigen Ort vorzufinden, und dies in so reifen Jahrgängen. Den 2000er - R - von Ruedi Baumann habe ich ja schon letzten Monat hervorgehoben, auch dieser Wein gehört in jene Kategorie, die man gerne noch ein paar Jahre im Keller vergessen kann. Die weiteren 2000er habe ich mit Licht und Schatten gesehen: Hans Ulrich Kesselrings Der Andere hatte in 2000 vielleicht nicht den allerglücklichsten Jahrgang, für mein Empfinden wirkt der Wein trotz seiner entzückenden Bachtobler Beerennase am Gaumen leicht spröde. HUK, da oben auf deiner Wolke, verzeih' mir diese Kritik: Der Wein hat zu viel Alkohol. Noch etwas härter gehe ich mit dem Klingnauer Kloster Sion ins Gericht: malzige Noten im Duft, wenig Struktur am Gaumen. Vielleicht hatte die ausgeschenkte Flasche einen Schlag, aber in dieser Form hat der Wein keine Zukunft mehr. Sehr viel besser gefallen hat mir Urs Pirchers Eglisauer: feinnervig, saftig und vital im Mund, im Duft rotbeerig und mit einer zarten Spur vom Holzfass, sehr gekonnt und in seinem Stil ebenso sehr Pinot Noir wie Blauburgunder.
Der älteste Wein aus der Blauburgunder-Reihe war der 1999er Churer Gian-Battista des Schlossherrn von Tscharner zu Reichenau. Erdige Nase, harte Extraktion. Wie mir scheint, sehr vom Mariafeld-Klon des Blauburgunders geprägt (und von der Kelterung). Momentan ist der Wein immer noch ein Raubein, aber vielleicht braucht man einfach noch mehr Geduld. Aus meinem Privatkeller habe ich vor zwei oder drei Jahren die letzte Flasche 1990er getrunken, und sie war hervorragend.
Das absolute stilistische Glanzlicht kam meiner Meinung nach ebenfalls aus Graubünden: Georg Fromms Malanser aus dem Jahrgang 2002 ist wirklich subtil. Vergebens suche ich nach Worten, die beschreiben könnten, wieviel Klasse der Wein hat, und wie selbstverständlich und «einfach» er zugleich wirkt. Im Duft finden sich florale Noten, dabei ist der vorherrschende Eindruck ganz und gar Pinot, zart und hintersinnig. Diese Präzision begeistert mich: Feinheit, aber nicht Schwäche. Frucht, aber keine Oberflächlichkeit. Eine Anspielung Burgund, aber vor allem Malans.
Ein paar Worte auch noch zu den Weissweinen. Mir hat der 2004er Chardonnay von Château d'Auvernier aus dem Kanton Neuenburg sehr gut gefallen. Auch wenn der Wein immer noch ziemlich intensive Barrique-Noten zeigt: Die Salzigkeit am Gaumen ist beeindruckend und lässt den Kalkstein an den Abhängen des Juragebirges erahnen. Unter den zahlreichen jüngeren Wei ssen möchte ich noch zwei besonders hervorgehoben: den würzigen und doch glockenklaren 2007er Vully Traminer des Weinguts der Bourgeoisie de Môrat, und den kulinarisch-delikaten, mineralischen 2008er Weissburgunder von Michael Meyer aus dem Bad Osterfingen.
Warum bedeutet es uns so viel, Weine reifen und sich verbessern zu sehen? Weil eine Selbstvergewisserung darin steckt, ein freundschaftlicher Händedruck mit der Vergangenheit. Und wie kommt es, dass uns die Herkunft eines Weins so viel gilt? Weil sie uns einen Bezugspunkt gibt, von dem aus wir uns zu erheben vermögen, für Momente der Wein-Seligkeit, über uns selbst und über die Beschränkungen unserer irdischen Existenz.
Ulrich Sautter

