Mémoire des Vins Suisses
Reflexionen · 2011

Eine memorable Kollektion

Die mit einer Marsanne des Jahrgangs 1994 von Provins Valais ins Leben gerufene Kollektion La Mémoire du Temps hat keine geschwellte Brust, nur weil sie acht Jahre älter ist als jene des Mémoire des Vins Suisses.

Beide proklamieren den gemeinsamen Glauben an das Genie im Wein und machen einen wahren Kult um die Langlebigkeit grosser Weine. Diese heilige Hingabe für die langlebigen Veteranen ist in Mode gekommen. Man zelebriert die Leistungen der Opas der Gletscherpatrouille, die Heldentaten der grauhaarigen Marathon­läufer, ihren ungebrochenen Mut. Man träumt von einer ewigen Jugend. Mit Pep und Schwung! Chef, fangen wir wieder von vorne an! Wenn man den Weinen der Kollektion La Mémoire du Temps das Wort erteilen würde, würden auch sie gestehen, einen ewigen Frühling anzustreben. Neben ihrer absoluten Ausgewogenheit und ihrer perfekten aromatischen Harmonie tragen sie voller Stolz ihr Potenzial für eine sehr lange Lagerung zur Schau. Demzufolge dürfen sie den legitimen Anspruch erheben, als «sehr grosser Wein» zu gelten.

Denn, wer von sehr grossen Weinen spricht, schliesst gleichzeitig auch die Vorstellung von Langlebigkeit, von Verbesserung während der Lagerung mit ein. Experten und Weinkenner sind sich einig, dass ein sehr grosser Wein zwangsläufig ein Wein ist, der Waffen besitzt, um über Jahre, ja Jahrzehnte triumphieren zu können. Weshalb? Weil die Erfahrung zeigt, dass die aromatische Komplexität sich mit dem Auftreten der so genannten Tertiär- oder Altersaromen bestätigt. Weil ein sehr grosser Wein seine Fülle und Harmonie erst im Laufe der Jahre erlangt mit dem Erreichen des vollkommenen Geschmackserlebnisses, dem puren Nirwana, der absoluten Ekstase, der göttlichen Ohnmacht. Man kennt die Begeisterung der Amateure für Weine mit ehrwürdigem oder zumindest respektablem Alter, ihren Kult für hochwertige und oft auch kostspielige Flaschen.

Illustrator Thierry Barrigue, Önologin Madelaine Gay und Autor Michel Logoz heben an Mémoire & Friends 2009 die Mémoire-du-Temps-Kollektion 2007 aus der Taufe.

Grenzen solch festliche Delirien nicht an Snobismus? Man ist versucht dies zu glauben, wenn man den Worten von gewissen Personen lauscht: «Denken Sie nur, lieber Freund, gestern Abend haben wir einen Romanée Conti 1937 geöffnet, gefolgt von einem Yquem 1967, Meisterwerke, die man heute nicht mehr findet, es sei denn durch ein Wunder und zu stratosphärischen Preisen». Voilà, so ist man ein Mann von Welt. Wieder andere, oder auch dieselben, werden Ihnen erklären, dass es sich hier um eine gute Anlagemöglichkeit handelt in einem von der Krise geschüttelten Markt. Was den ehrlichen Bürger betrifft, so wird Ihnen dieser als guter Familienvater gestehen, dass er darüber wacht, schöne und grosse Flaschen für die Geburtstagsfeiern seiner Kinder aufzubewahren, das heisst eine grosse Anzahl desselben Jahrgangs, damit man bis zum zwanzigsten Geburtstag jedes Sprösslings am jährlichen Festtag dabei sein kann.

Von diesen Erkenntnissen ausgehend wird das Konzept des Mémoire du Temps seinen Weg gehen, ganz im Geiste seiner Initianten. Ist es nicht bedauerlich und frustrierend für Provins festzustellen, dass erwachsene Personen, die als normal eingestuft werden können und über einen ausreichenden Intelligenzquotienten verfügen, exorbitante Summen ausgeben für Flaschen ausländischer Provenienzen mit einer hypothetischen Zukunft, wo doch das Wallis Jahr für Jahr Weine mit langem Lagerpotenzial, robustem Profil und einer starken Persönlichkeit hervorbringt, versehen mit allen wünschbaren Reizen; und all dies zu vernünftigen Preisen? Nichts von Bluff! Man braucht nur an die beeindruckende Familie der Walliser Rebsorten und an die unendliche Vielfalt seiner Terroirs zu denken.

Darüber hinaus gibt es alle möglichen Kombinationen, einerseits zwischen den über vierzig vorhandenen Rebsorten mit einer frühen oder späten Reife und andererseits zwischen den klimatischen Unterschieden, die von Jahrgang zu Jahrgang variieren. War der Sommer für den Païen oder die Malvoisie ungünstig? Ein sonnenverwöhnter, vom Föhn geprägter Herbst oder Spätherbst ist Garant für eine hervorragende Humagne Rouge oder eine grosse edelsüsse Petite Arvine. Heute, nach 16 Ausgaben, ist die Messe gelesen. Sämtliche von Madeleine Gay, der Starönologin von Provins, mit Liebe gekelterten Cuvées sind von Erfolg gekrönt. Es sind sicher nicht die mit nur wenigen Sorten bepflanzten und oft Reifeprobleme aufweisenden Weinberge, die als Rivalen auftreten und das Ziel jedes Mal als Gewinner erreichen. Dabei geht es hier nicht darum, systematisch die grossen Weine der historischen Weinregionen schlechtzumachen!

Die sorgfältig im Keller aufbewahrten grossen Flaschen des Mémoire du Temps warten nur darauf, entkorkt zu werden, um uns das Geheimnis der verflogenen Jahre zuzuflüstern. Diese sehr grossen Weine zu trinken, bedeutet Zeit zu trinken. Die Zeit des Himmels und der Erde, die sie im Laufe ihres phänologischen Lebens gehortet haben. Aber auch die Zeit der Geschichte, unserer Vergangenheit, je nach Jahrgang unterschiedlich.

Die sechs Flaschen von jeder Ausgabe des Mémoire du Temps, rufen anhand von sechs Illustrationen und Legenden wichtige Ereignisse des jeweiligen Jahres in Erinnerung: «Die Schweiz», «Europa», «Die Welt», «Wirtschaft und Gesellschaft», «Sport und Olympismus», «Kunst, Wissenschaft und Theater». Diese an talentierte Karikaturisten in Auftrag gegebenen Originalillustrationen rufen Erinnerungen eines Abschnitts in unseren Dasein hervor und laden uns ein, glückliche Momente aufleben zu lassen, die wir im betreffenden Jahr erleben durften, verbunden mit den Cuvées des Mémoire du Temps. Als einer der wenigen Schweizer Produzenten, die Jahr für Jahr lagerfähige Weine anbieten, die lange auf der Flasche bleiben können, bringt Provins gekonnt das grosse Potenzial der Walliser Weinberge zur Geltung. Und beschenkt gleichzeitig die Weinliebhaber mit raren und
perfekten Geschmacksemotionen.

<media 652 - download>
</media>

Text: Michel Logoz
Michel Logoz ist Redaktor und Verleger in Lausanne.