Mémoire des Vins Suisses
Reflexionen · 2011

Mémoire-Mitglieder reflektieren ihre Eindrücke an der Completer-Degustation auf Schloss Reichenau.

Completer komplett

Meine Liebesgeschichte mit dem Completer begann seltsamerweise 2002 an der Davis-Universität in Kalifornien, als ich die DNA-Analysen der Walliser Rebsorten durchführte, um nach ihrer Herkunft zu forschen.

Der Vaterschaftstest zeigte mir nämlich die Verwandtschaft zur Lafnetscha auf, einer Rebsorte aus dem Oberwallis, die man oft mit dem Completer verwechselt hat: Es handelt sich hier um eine natürliche Kreuzung zwischen dem Humagne Blanc, einer alten Walliser Rebsorte, und dem Completer, einer alten Rebsorte aus der Region von Malans im Bündnerland, wo sie bereits 1321 in einem Dokument des Domkapitels der Kathedrale von Chur Erwähnung findet. Wie konnte der Completer, der als eine im Bünderland heimische Sorte betrachtet wird, den Lafnetscha im Oberwallis hervorbringen, wo er nie Erwähnung fand?

Zurück aus Davis ging ich mit meinem Freund, dem bekannten Produzenten Josef-Marie Chanton, den man auch «Archäologen der Rebsorten» nennt, in einen mit Pergeln angelegten Rebberg von Eyholz in der Nähe von Visp und entnahm zwei Proben von Reben, die von den Einheimischen «Kleine Lafnetscha» und «Grosse Lafnetscha» genannt wurden. Die DNA-Analyse zeigte aber eindeutig, dass es sich bei beiden Reben um Completer handelte. Die Analyse offenbart also, dass der Completer schon vor 1627 im Oberwallis vorkam, also vor der ersten Erwähnung seines Sohnes Lafnetscha, und dass es ihn noch immer gibt, ohne dass jemand bis zum Beginn des 21. Jahrhundert davon Kenntnis hatte!

Begierig, mehr über die aus dieser geheimnisvollen Rebsorte gekelterten Weine zu erfahren, machte ich mich auf die Suche nach den seltenen noch verfügbaren Flaschen dieser Rebsorte, die auf kaum drei Hektaren in der Schweiz angebaut wird. Die Erleuchtung kam, als ich einige Flaschen Jeninser Completer 1990 von Gian-Battista von Tscharner entdeckte: diese bezaubernden Aromen von Quitten, Mirabellen, Akazienhonig, die ausladende Heiterkeit, das phänomenale ausgewogene Süsse-Säure-Spiel und die nicht endenwollende Persistenz rührten mich zu Tränen. Von diesem Moment an hatte mich das Completer-Virus erfasst.

Der Name «Completer» stammt vermutlich vom lateinischen Wort «completorium», deutsch «Komplet», dem letzten Stundengebet des Tages, nach welchem die Mönche sich gemäss der Regel des heiligen Benedikts in Schweigen hüllen mussten und traditionsgemäss das Recht auf ein Glas Wein hatten. Die Geschichte erwähnt nicht, ob die eigentlich zum Schweigen verpflichteten Mönche den dem Completer wegen seiner hohen Säure lange anhaftenden schlechten Ruf eines Weins in Umlauf brachten, «der einen aus den Schuhen haut».

Aber, wie steht es damit heute? In Zusammenarbeit mit dem Mémoire des Vins Suisses organisierte ich für die Mitglieder anlässlich von deren Besuch auf Schloss Reichenau am 1. April 2011 eine Vergleichsdegustation mit den Weinen der meisten Completer-Produzenten. Der einzige nichtbündnerische Vertreter, der Meilener Completer vom Schwarzenbach Weinbau (ZH), hob sich ab durch seine florale Eleganz und seinen schlanken Körper voller Finesse. Die von Cottinelli, Volg und vom Plantahof eingesandten Muster vermochten die Teilnehmer nicht zu begeistern. Diese bevorzugten die Natürlichkeit und Reinheit des Completers von Anton Boner-Liechti oder die ziselierte Gradlinigkeit von Peter und Rosi Hermann. Keine Überraschung gab es bei den drei Erstplazierten, dem Weingut Donatsch, Thomas Studach und Gian-Battista von Tscharner, unserem Gastgeber von Schloss Reichenau. Diese Produzenten zeigten jeder auf seine Weise die Nobilität, die Komplexität und das grosse Potenzial der grossen, schwierigen, um nicht wie Gian-Battista zu sagen «sturen» Sorte auf. Es fehlte der Completer von Adolf Boner, dessen guter Ruf leider nicht nachvollzogen werden konnte, da keine Muster­flaschen vorhanden waren.

Wenig später, am 20. April 2011, lud ich einige Weinfachleute und Weinkenner ins Sensorama des Château de Villa in Sierre zu einer Vertikaldegustation von 13 Jahrgängen Jeninser Completer im Beisein von Gian-Battista von Tscharner und dessen Sohn Johann-Baptista. Die Blinddegustation begann mit einem Piraten von Josef-Marie Chanton, der gut erhaltenen Lafnetscha 1987, die einmal mehr bewies, dass diese Rebsorte ein grosses Alterungspotenzial besitzt. Flaschen des Jeninser Completer der Jahrgänge 1988, 1992 und 1999, die als schwierig galten oder eventuell Korkprobleme aufwiesen, konnten die Degustatoren nicht überzeugen. Die Jahrgänge 1995, 2002, 2003, 2004 und 2005 warteten mit einem ganzen Register von floralen Aromen (Ginster, Lindenblüten) auf, begleitet von Noten von Agrumen (Orangenzesten). Im Mund waren sie dicht, leicht süss-sauer mit einem Finale voller Frische und Finesse, unterstützt von einer unglaublich hohen Säure, Garant für eine sehr lange Lagerung. Die Jahrgänge 1984, 1998 et 2000 präsentierten sich eigensinniger mit Anzeichen einer schönen Reife und Aromen von sehr reifen Äpfeln und Pfirsichen, Bittermandeln, im Mund üppig mit einer schönen Bitterkeit und einem langen Abgang. Mit seinen Aromen von Quitte, Bienenwachs, dem luftigen Körper, der leichten, aber positiven Oxydation und dem kristallklaren Abgang kämpfte der 1989er um den Sieg mit dem 1990er, der mit seiner Reinheit, Fülle, Komplexität und perfekten Harmonie die Herzen der erstaunten Anwesenden als einer der für mich grössten Weissweine der Schweiz, ja der Welt eroberte!

<media 646 - download>
</media>

Text: José Vouillamoz
Dr. José Vouillamoz ist Ampelologe-Genetiker in Sion und befasst sich vor allem mit alten Rebsorten aus dem Alpenraum. Sein neustes Buch «Origine des cépages valaisans et valdôtains, L’ADN rencontre l’Histoire» (Éditions du Belvédère, Fleurier 2011) schliesst den Completer mit ein, weil dieser schon sehr früh im Wallis angepflanzt wurde.