Mémoire des Vins Suisses
Reflexionen · 2011

Die neuen Mitglieder posieren nach der Präsentation im Grand Resort Bad Ragaz.

Alte Freunde im Mémoire

Die Schatzkammer des Schweizer Weins füllt sich: Sechs neue Produzenten, die fast alle aus den mit dem Mémoire befreundeten Winzervereinigungen Arte Vitis (VD) und Vinotiv (GR) stammen, treten mit starken Weinen bei. Die Vereinigung zählt nun 45 Mitglieder.

Das Mémoire bereichert sich dieses Jahr vor allem mit Weissweinen von unverwechselbarem Charakter. Mit Weinen auch, hinter denen ein Winzer oder eine Winzerfamilie stehen, die ihren Beruf schon seit vielen Jahren mit Leidenschaft und Engagement ausüben.

Allen voran sind es Gewächse aus dem Chasselas, unserer Brot- und Buttersorte. Keine andere weisse Traube spielt die Karte des Terroirs so überzeugend aus wie der unprätentiöse Chasselas. Und keine andere Sorte ergibt Weine von vergleichbarer Finesse, Eleganz und Bekömmlichkeit. Die beiden Neuzugänge stammen aus dem waadtländischen Lavaux, der berückend schönen Landschaft zwischen Lausanne und Montreux. Der St. Saphorin Les Manchettes von Pierre Monachon ist ein subtiler, feinsinniger Chasselas voll Lebendigkeit und untergründiger Mineralität. Der Calamin Cuvée Vincent besitzt Stoff, Kraft und Länge. Er stammt von der gerne etwas unterschätzten gleichnamigen Grand-Cru-Lage neben der ungleich berühmteren Appellation Dézaley. Sein Erzeuger, Arte-Vitis-Präsident Blaise Duboux, ist ein feuriger, passionierter Botschafter des Calamin wie des Lavaux überhaupt, das 2007 verdientermassen als Weltkulturerbe der Unesco ausgezeichnet worden ist.

Drei weitere neue Weissweine gedeihen in der Bündner Herrschaft, der wärmsten Weinbaugegend der Deutschschweiz, deren Terroir aus tonig-kalkigem Bündner Schiefer sich ausgezeichnet für die Burgundersorten eignet. Vinotiv-Präsident Christian Hermann ist in Fläsch zuhause und keltert neben Riesling und Pinot Noir in dem kleinen, schmucken Dorf einen überzeugenden Chardonnay – dicht, mineralisch, einem guten Chablis ebenbürtig. Die Sortenpalette von Peter Wegelin in Malans ist etwas breiter. Er teilt seine Liebe zum Pinot Noir mit jener zu den Weissweinen und produziert mit viel Fingerspitzengefühl vier Weisse, darunter einen dichten, würzigen, frischen, nie schwerfälligen Pinot Gris oder Grauburgunder.

Die geheimnisvollste und eigenständigste weisse Sorte Graubündens ist der Completer, auch Malanser Rebe genannt, weil sie bereits im Mittelalter in der Malanser Completerhalde angebaut wurde. Ein Completer-Rebberg wird da erstmals 1321 in einer Urkunde des Domprobsts Rudolf von Montfort als Besitz des Domkapitels Chur genannt. Ihren Namen verdankt sie dem Umstand, dass die Chorherren des Churer Stifts den Wein jeweils nach dem letzten Stundengebet, der Komplet, genossen haben. Neuste pflanzengenetische Studien haben ergeben, dass der Completer der Vater des Walliser Lafnetscha ist. Die säurereiche Sorte ist sehr anspruchsvoll, gedeiht nur in den wärmsten Lagen und ist deshalb Mitte des 20. Jahrhunderts praktisch ausgestorben. In jüngster Zeit erlebte sie eine schüchterne Renaissance.

Die Ironie dieser Wiederbelebung liegt darin, dass ein Weingut aus Fläsch massgeblich an der Förderung des Completers teilhat: Peter und Rosi Hermann haben sich schon seit vielen Jahren dieser urtümlichen Sorte verschrieben und keltern daraus als Spezialität einen fabelhaften, authentischen, kernigen Wein. Dieser nicht ganz geschichtskonforme Herkunftsort stellte uns aber vor die Frage, ob im Mémoire nicht auch ein Completer aus der Urheimat der Sorte – Malans – Platz haben müsste. Dort haben unsere Mitglieder Martin und Thomas Donatsch ihre Liebe zu Completer mit zwei bedeutenden Neupflanzungen bekräftigt. Sie erklärten sich mit einer Rochade einverstanden: Wir verabschieden deshalb mit Dank und Applaus ihren Chardonnay Passion aus der Sammlung und begrüssen herzlich den Donatsch Completer Malanserrebe.

Als einziger neuer Rotwein stösst dieses Jahr die Mondeuse Noire Le Vin de Bacouni dazu. Die Mondeuse war einst in der Waadt weitverbreitet, hat sich aber längst wieder in ihr Stammland Savoyen zurückgezogen. Im Lavaux besitzt sie glücklicherweise mit Vater und Sohn Henri und Vincent Chollet beredte Fürsprecher. Die kreativen, originellen Winzer aus Aran-Villette erzeugen eine ebenso kraftvolle wie elegante Mondeuse, die mit ihrer Reifebedürftigkeit wie gemacht scheint für unsere Schatzkammer.

Mit den sechs neuen Produzenten umfasst das Mémoire des Vins Suisses 45 Mitglieder. Die Frage nach der Grösse des Vereins stellt sich. Aufholbedarf besteht sicherlich noch im Wallis. Nach der Räumung dieser Baustelle wird sich das so erfolgreiche Mémoire wohl vor allem aber der Konsolidierung widmen wollen.

<media 648 - download>
</media>

In der Schatzkammer des Mémoire des Vins Suisses lagert eine lückenlose Sammlung von 45 Spitzenweinen aus der ganzen Schweiz.

Text: Martin Kilchmann
Martin Kilchmann ist
Gründungsmitglied des
Mémoire des Vins Suisses.