
DEZEMBER 2010
Fliegen und trinken mit Swiss
Ich muss zugeben, dass ich zu meiner Wahlheimat Hamburg ein gespaltenes Verhältnis habe. Hamburg ist wirklich schön, reich an Kultur und mondänem Leben, und nicht zuletzt besitzt die Stadt einen pulsierenden Hafen, der fast ein Viertel der Fläche des Stadtgebiets einnimmt – besonders eindrücklich zu sehen beim Landeanflug auf den Flughafen Fuhlsbüttel.
Mein persönliches Fernweh führt mich dennoch eher nicht zu einem Containerterminal im Hamburger Hafen, sondern nach Süden, und ganz besonders oft auf dem Luftweg nach Zürich-Kloten. Durch die Zeitungsausschnitte aus dem »Südkurier» und der «Thurgauer Zeitung», die mir meine in Konstanz lebende Mutter regelmässig schickt, weiss ich, wie sehr das Thema Fluglärm das schweizerisch-deutsche Verhältnis belastet. Manchmal habe ich den Eindruck, das Thema werde dabei etwas aufgebauscht, ganz besonders von deutscher Seite. Ich bin in diesem Konflikt eindeutig Partei: Ich möchte gerne so oft wie möglich nach Zürich fliegen können, und ob das Anflug-Pattern dabei über deutsches oder schweizerisches Staatsgebiet führt, ist mir offen gesagt ziemlich egal.
Eine Pointe für uns Weinkenner ist übrigens, dass die gebräuchlichste Anflugschleife (auf die Piste 14 in Kloten) über das Drehfunkfeuer Trasadingen führt, also über einige der besten Klettgauer Weinberge im Kanton Schaffhausen. Ich habe nicht den Eindruck, dass der Wein dadurch Schaden nähme.
Ähnlich wie der Weinbau, ist das Fliegen eine grosse Kulturleistung der Menschheit. Es ist die würdigste Weise zu reisen, so meine ich. Oder, um mit Loriot zu sprechen: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das im Flug eine Mahlzeit einnehmen kann.
Und der Mensch kann auch trinken im Flug, vorzugsweise einen guten Wein. Nun, nach dem 11. September 2001 hat sich manches geändert, selbst in den Maschinen der Air France bekommt man zuweilen einen chilenischen Rotwein eingeschenkt. Das sagt ja einiges.
Dennoch will ich mich heute mit einer Beschwerde zu Wort melden. Denn was ich neulich auf einem Flug mit Swiss vorgesetzt bekam, das haut wirklich, um es salopp zu formulieren, den Zapfen raus. Zusammen mit einer mit Frischkäse belegten, immerhin annehmbaren Stange Silser Brots bekam ich ein 18-cl-Fläschchen Weisswein aus der Weinkellerei Coop gereicht, das äusserlich erst mal hübsch anzusehen war: Unter der Überschrift «Swiss Selection» prangten auf dem Etikett die Wappen aller 26 Kantone.
Erst als ich den ersten Schluck ins Plastikbecherchen eingeschenkt und getrunken hatte, begann ich zu verstehen, was mir das Etikett sagen wollte: Ein «Vin de Pays Suisse» kann aus dem ganzen Land stammen. Es kann sich auch um einen Verschnitt der schlechtesten Weine aller Kantone handeln. Genau so etwas hatte ich hier unzweifelhaft im Becher: eine Ansammlung von Weinfehlern, böcksernd, kahmig, schal, dünn. Nicht nur schlecht – sondern wirklich abstossend.
Geschätzte Swiss und sehr geehrte Coop: Das ist keine gelungene Form des Partriotismus, Sie erweisen den Winzern Ihrer Heimat einen Bärendienst. Dann trinke ich lieber ein Henniez oder einen chilenischen Rotwein.
Oder wie letzten Winter in der Air Dolomiti – die, wohlgemerkt, ebenso wie Swiss eine Tochter der Lufthansa ist – einen ganz hervorragenden Amarone aus dem Hause Masi. Die stolzen Venetianer lassen sich eben nicht lumpen.
Ulrich Sautter

