Reflexionen · 2010

Die neuen Mitglieder posieren nach der Generalversammlung auf Château de Boudry.

Das Mémoire im Vormarsch

Neun neue Produzenten aus fast allen Schweizer Weinbaugebieten stossen 2010 zu den dreissig bisherigen Mitgliedern. Sie bereichern mit ihren Weinen die Schatzkammer des Mémoire des Vins Suisses auf repräsentative Weise.

Die neun neuen Mitglieder erweitern die Palette der Rebsorten und verstärken bisher noch schwächer vertretene Anbaugebiete. Aus dem Wallis kommt ein mächtiger, komplexer Heida. Er stammt von der St. Jodern Kellerei in Visperterminen, die der inzwischen pensionierte Kellermeister Pirmin Heinzmann in dreissigjährige Arbeit aufgebaut hat. Zwischen 650 und 1150 Meter ziehen sich die Rebterrassen in fein gezirkelten Parzellen vom Grund des Vispertals atemberaubend steil die Wand hinauf. Der Heida – französisch Païen – ist die Mutation einer Rebsorte. Sie heisst als Synonym auch Traminer, Gewürztraminer oder Savagnin Blanc.

Die Familie Gérald und Patricia Besse aus Martigny-Combe steuert eine fundamentale Ermitage bei. Gérald Besse erzeugt die wohl besten Gamays des Wallis. Ein Fehler wäre allerdings, ihn darauf zu reduzieren, denn auch die Fendants, die Petite Arvine und eben die trocken und in Barriques ausgebaute Ermitage besitzen Charakter- stärke und ausgeprägte Terroirtypizität.

Philippe Gex und Bernard Cavé von Terroir du Crosex Grillé sind dafür verantwortlich, dass nun auch Aigle mit einem mineralischen Chasselas repräsentiert ist. Die beiden bewirtschaften ihr je eigenes Weingut: Gex die bekannte Domaine de la Pierre Latine in Yvorne; Cavé die Bernard Cavé Vins in Ollon. Terroir du Crosex Grillé ist ein Gemeinschaftsprojekt. Mit dem Erwerb des 2,5 Hektaren grossen Crus kauften sie sich Geschichte – der steile Terrassenrebberg gehörte einst der Familie von Winston Churchill.

Der Weinbaukanton Neuenberg erzeugt vielleicht die burgundischsten und elegantesten Pinots Noirs des Landes. Mit dem Pur Sang der Domaine de Chambleau in Colombier und dem Pinot Noir der Domaine de La Maison Carrée aus Auvernier darf das MDVS gleich zwei neue, in ihrer Stilistik sehr gegensätzliche Weine begrüssen. Der Pur Sang von Louis-Philippe Burgat ist ein moderner Pinot Noir – konzentriert, dicht, lange in neuem Holz ausgebaut. Jean-Denis Perrochet vom Maison Carrée dagegen setzt auf traditionelle Methoden wie in alten Zeiten und erzeugt blitzblanke, fruchtbetonte Weine. Es wird interessant sein, das Alterungsverhalten der beiden Weine gegenseitig zu vergleichen.

Der Kanton Schaffhausen erhält Verstärkung durch den komplexen Pinot Blanc von Michael Meyer vom Gasthaus & Weingut Bad Osterfingen. Michael Meyer – ein begabter Koch und Winzer in Personalunion – erzeugt zusammen mit seinem Mémoire-Kollegen Ruedi Baumann die beiden berühmten roten und weissen Zwaa. Nun ist mit seinem eigenen Weissburgunder auch diese wertvolle Sorte in unserer Schatzkammer vertreten.

Thomas und Martin Donatsch aus Malans schenken dem Verein mit ihrem legendären Chardonnay einen weiteren, ausgesprochen klassisch ausgebauten Chardonnay. Die Donatschs gehören zu den führenden Winzerfamilien der Bündner Herrschaft. Spiritus rector Thomas Donatsch war nicht nur der erste, der die Barrique in der Gegend salonfähig machte. Er pflanzte – zu einer Zeit, als das noch nicht erlaubt war – auch als erster Chardonnay an.

Weiter im Vormarsch ist das Tessin: Zunächst nicht mit einem Merlot, sondern mit der charaktervollen, autochthonen Sorte Bondola, einem höchst eigenständigen Gewächs von Giorgio Rossi von der Azienda Mondò in Sementina. Rossi erzeugt den besten Wein aus dieser rustikalen Sorte, die im Tessin bereits vor dem Einfall der Reblaus heimisch und im Sopraceneri weit verbreitet war. Ganz ohne Merlot geht es allerdings nicht. Beim Balin von Anna Barbara von der Crone und Paolo Visini handelt es sich freilich um einen der raffiniertesten Weine des Kantons. Er besitzt Schmelz und Fruchttiefe. Wir freuen uns, sein Alterungspotenzial auszuloten.

Neben den neun neuen Weinen können wir auch einen Weinwechsel bekannt geben. Das ewige Verbleiben des gleichen Weins im Mémoire ist nicht in Stein gemeisselt, wenn es Argumente für einen Austausch gibt. Nachdem letztes Jahr die Domaine Cornulus mit einem Fendant debütierte und Provins für den Eintritt ihrer Petite Arvine votierte, dürfen wir heuer den Orizzonte verabschieden. Leise und beharrlich hat sich Christian Zündel über die Jahre zum massgeblichen Chardonnay-Spezialisten des Tessins entwickelt. Mittlerweile erzeugt er aus dem Malcantone drei stilistisch unterschiedliche Weine aus der Burgundersorte – darunter den Cru Dosso mit dem Jahr- gang 2008 als Premiere. Das hat uns im gegenseitigen Einverständnis bewogen, einen fliegenden Wechsel vorzunehmen: von seinem legendären Orizzonte auf den Chardonnay Dosso. Die bereits gebunkerten älteren Jahrgänge des Orizzonte verbleiben in der Bibliothek. Der Merlot aus dem Malcantone ist auch nach diesem Austausch mit den beiden Gewächsen Montagna Magica und Pio della Rocca im Mémoire würdig und repräsentativ vertreten.



Text: Martin Kilchmann
Martin Kilchmann ist
Gründungsmitglied des
Mémoire des Vins Suisses.

Foto: Gian-Battista von Tscharner