Mémoire des Vins Suisses
Reflexionen · 2008

Manchmal muss man rückwärts lesen, um zu verstehen. Denn ohne Vorher gibt es kein Nachher, ohne Vergangenheit keine Zukunft. Für Archäologen ist das die selbstverständlichste Sache der Welt. Um zu begreifen, warum etwa eine Kathedrale sich heute so und nicht anders präsentiert, muss man in die Tiefe graben, die Mauern früherer Kirchen freilegen, bis man auf die Überreste der ursprünglich hier gebauten Kapelle stösst. Das Projekt Mémoire des Vins Suisses versucht diese Methodik beim Wein anzuwenden. Wir sammeln ausgesuchte Schweizer Weine und verfolgen Jahr für Jahr deren Entwicklung. Da wir mit der Zeit immer mehr unterschiedlich gereifte Jahrgänge vergleichen können, ergibt sich allmählich ein sehr komplexes Bild jedes Weins. Irgendwann sollten wir sogar verlässliche Aussagen über dessen künftige Entwicklung machen können. Denn das Heute ist das Gestern von morgen. Der tiefere Sinn unserer Arbeit besteht letztlich darin, das immer noch unterschätzte Potenzial des Schweizer Weins aufzuzeigen. Entsprechend gross ist das Interesse der Schweizer Weinszene. Im Herbst 2004 erhielten wir anlässlich der Verleihung des ersten Grand Prix du Vin Suisse in Bern sogar den Prix Vinnovation. Doch das sind Vorschusslorbeeren. Noch gilt es zu beweisen, dass Schweizer Wein beim Altern nicht nur älter, sondern auch reifer wird. Und das können wir erst, wenn der Wein genug alt ist.



Text: Andreas Keller
Andreas Keller ist
Gründungsmitglied des
Mémoire des Vins Suisses.